Werk
Giacomo Puccini
Giuseppe Giacosa (Text)
Luigi Illica (Text)
La Bohème
1896
Interpretation
Ondrej Lénard
Slovak Radio Symphony Orchestra
Slovak Philharmonic Choir
Children’s Choir of Radio Bratislava
Veronika Kincses (Sopran)
Sidónia Haljáková (Sopran)
Peter Dvorský (Tenor)
Ivan Konsulov (Bariton)
Balázs Póka (Bariton)
Dariusz Niemirowicz (Bass)
Vojtech Schrenkel (Tenor)
Stanislav Beňačka (Bass)
Štefan Janči (Bass)
Aufnahme
1978
Slovak Radio Concert Hall, Bratislava
Opus
Leoš Komárek (Produktionsleiter)
Vladimír Marko (Toningenieur)
Foto © Eduard Hollý
Klangqualität
⭐️⭐️⭐️
Natürlichkeit, Balance, Präsenz, Transparenz, Räumlichkeit
Liebesgeschichte in beeindruckender Stereo-Breite
Die Wahl der besten Aufnahme von Puccinis La Bohème ist ein echter Ernstfall für Tiefundtausendfach und der getroffene Entscheid ein prekärer. Niemand hat nämlich den Part von Mimi und Rodolfo schöner gesungen als Mirella Freni und Luciano Pavarotti auf der Decca-Einspielung von 1972, und vermutlich wird das niemand je schöner singen können. Unter audiophilem Gesichtspunkt kann diese Aufnahme aber nicht befriedigen. Denn der Dirigent heisst Karajan, und der war zwar ein musikalisches Genie, hatte aber leider irregeleitete Überzeugungen, wie eine Aufnahme zu klingen hat. Dies allein wäre nicht weiters schlimm. Doch er hatte dazu offensichtlich noch die nötige Autorität, dem Aufnahmeteam seinen Willen aufzuzwingen. Und so wird das Hören seiner Bohème trotz Starbesetzung zur Tortur. Das gefühlsmässige Oszillieren zwischen Glücksgefühlen über die gesangliche Kunst und dem Frust, dass die eigene Gehörschnecke dieser Kunst nie wirklich habhaft wird, macht einen fix und fertig. Dieser Karajansound ist wirklich ein seltsames Phänomen: Man hört und versteht doch nichts. Freni und Pavarotti singen sich die Seele aus dem Leib, aber egal, wie weit der Lautstärkeregler aufgedreht ist, sie dringen nicht durch. Sie werden aber nicht etwa verdrängt von den instrumentalen Stimmen. Auch das Orchester ist meilenweit entfernt. Man fragt sich, was höre ich denn eigentlich? Irgendwelche Mitten? Sind es Hörner und Celli, Hintergrundrauschen? Keine Ahnung, aber nur nicht das, was im Vordergrund sein sollte. Darum müssen wir diese Aufnahme für Tiefundtausendfach ziehen lassen. In der digital aufgemotzten Version können wir Freude daran haben, für die analoge Sammlung brauchen wir eine andere.
Und die finden wir in einer Produktion aus Bratislava mit Ondrej Lénard, dem Slowakischen Radio-Symphonieorchester und einer sensationellen Besetzung der vier gesanglichen Hauptrollen. Wow! Hier finden wir das pure klangliche Gegenteil: Nähe, Präsenz, Gefühl, Wärme. Nur selten geht dies zu Lasten der Räumlichkeit: Die tiefen Stimmen klingen zuweilen etwas trocken, was aber gar nicht so schlecht zur Szenerie der Künstlerstube passt. Die beiden Sopranistinnen, Chor und Orchester hingegen strahlen und glänzen und sonst besteht die Räumlichkeit der Aufnahme vor allem in der beeindruckenden Stereo-Breite. Die Übersicht und Durchsichtigkeit der Stimmen im Getümmel des Café Momus im zweiten Akt etwa findet man derart auf keiner anderen Einspielung. Auch interpretatorisch hat die Aufnahme viele Highlights, etwa die brillant gesungene Arie Musettas im zweiten Akt oder die Duette von Mimi und Rodolfo in den drei anderen Akten, in denen Kincses und Dvorský voller Leidenschaft aber auch mit atemberaubender Sorgfalt die schönste Liebesgeschichte der europäischen Musiktradition lebendig werden lassen. Die beiden wachsen einem direkt ans Herz. Vielleicht doch besser als Freni und Pavarotti…?
Links
Discogs
Spotify (Highlights)
Youtube (Highlights)
Youtube (aus dem Film)
