Werk
Vincent d’Indy
Wallenstein – Trilogie d’après le poème dramatique de Schiller
Op. 12
1881
1887 (Bearbeitung)
Interpretation
Pierre Dervaux
Orchestre Philharmonique des Pays de la Loire
Aufnahme
1975
Grenier Saint-Jean, Angers
EMI
La Voix de son maître
René Challan (Produktionsleiter)
Paul Vavasseur (Toningenieur)
Klangqualität
T&T ⭐️⭐️⭐️
Mystik, Natürlichkeit, Balance, Präsenz, Transparenz, Räumlichkeit
Mythische Spätromantik in steinernen Wänden
Mitten in der französischen Stadt Angers steht ein seltsamer, kolossaler Längsbau, dessen Geschichte bis ins 12. Jh. zurückreicht: die Greniers Saint-Jean. Was war früher seine Funktion? Hospital, Getreidespeicher, Sakralbau? Oder dies alles zusammen? Auch architektonisch ist der multifunktionale Bau schwer einzuordnen: eine steinerne Halle mit zwei Säulenreihen irgendwo im Übergang von der Romanik zur Anjou-Gotik. Welch Teufel muss die Produzenten von EMI bzw. La Voix de son Maître geritten haben, einen derart komplizierten Saal für eine Aufnahme von Vincent d’Indys Wallenstein auszuwählen? Doch die riskante Wette ging auf. Und vermutlich hat dies mit Paul Vavasseur zu tun, dem genialen Toningenieur von EMI, bzw. von Pathé Marconi, der französischen Tochterfirma, welche die Aufnahmen für das Label La Voix de son Maître machte. Vavasseur gelang es tatsächlich, die Frequenzeffekte des länglichen Saales auszunutzen und gleichzeitig den Drang der steinernen Wände zum langen Nachhall zu bändigen. Im Resultat ergibt das eine einzigartige, geheimnisvolle Räumlichkeit im Gesamtklang, stabil über alle Tonhöhen und Lautstärken hinweg. Wir erleben Dervaux‘ hingebungsvolle Interpretation von Indys Tondichtung in mythischem Charakter, passend zu dessen spätromantischer Unabgrenzbarkeit. Wir erleben öfters, dass eine bestimmte, massgebliche Interpretation einem Werk der Musikgeschichte einen bleibenden Charakter verleiht. Hier haben wir den seltenen Fall, dass eine Aufnahme diese Funktion übernimmt. Wer einmal Indys Wallenstein in der Version von Dervaux/EMI hört, wird sich das Werk in keiner anderen Akustik mehr vorstellen wollen – zumindest, was Tonträger und Streaming betrifft. Live-Aufführungen sind bezüglich ihrer unmittelbaren Klangqualität glücklicherweise immer unschlagbar, egal in welchem Raum sie stattfinden.
