*37 Tchaikovsky: Violinkonzert

Werk
Pyotr Ilyich Tchaikovsky
Violinkonzert
D-Dur, Op. 35
1878

Interpretation
Jean-Marie Auberson
Orchestre du Festival Tibor Varga Sion
Tibor Varga (Violine)

Aufnahme
1965
Sion
Philharmonia

Klangqualität
T&T ⭐️⭐️⭐️
Mystik, Natürlichkeit, Balance, Präsenz, Transparenz, Räumlichkeit

Jahrhundertaufnahme aus der Provinz
Nicht Wien oder Berlin, noch Paris oder London, auch nicht New York oder Moskau, nein, der wahrscheinlich beste Geiger aller Zeiten (sofern diese für uns über Tonträger erschlossen sind) lässt sich in der Provinz nieder – und holt das Beste aus ihr heraus. Nach einer glänzenden Solistenlaufbahn in jungen Jahren scheinen es in den reiferen Jahren nicht mehr so sehr die Konzertsäle der Hauptstädte oder Orchester mit klingenden Namen zu sein, die Tibor Varga interessieren, nicht der Ruhm und das Rampenlicht. Er findet seine Freude und Erfüllung vielmehr in der Musikpädagogik. Junge Leute für die Musik und das Geigenspiel zu begeistern, sie darin zu fördern und begleiten, das ist Vargas selbstgewählte Bestimmung. Was er in dieser Bestrebung in Sion, im Wallis geleistet hat, ist bemerkenswert: Er gründet eine Musikakademie, ein Festival und einen bis heute existierenden internationalen Violinwettbewerb. Ein ganzes Tal lässt sich begeistern, Unterstützerinnen und Unterstützer von überall finden sich ein, eine Association de Festival formiert sich. Varga stellt ein Orchester zusammen und bietet Jahr für Jahr ein reiches Klassik-Programm am Festival. Die Soloparts für Violine übernimmt er selbst und versetzt die Hörerinnen und Hörer regelmässig in Staunen. Das Festival wird zum Insider-Mekka für Liebhaberinnen und Liebhaber der Violine.
Und das Beste für uns: Jedes Jahr gibt es eine Aufnahme, dafür hat Varga offenbar mit guten Beziehungen zur Branche gesorgt. Die meisten dieser Aufnahmen stammen von einem namenlosen Team und sind in audiophiler Perspektive nicht immer befriedigend. Doch einige Aufnahmen wurden unter dem Label Philharmonia gemacht und die sind richtig gut. Wer genau hinter dem Label steht, das nur beim Festival Tibor Varga Sion in Erscheinung tritt, ist nicht wirklich klar. Auf den Covers lassen sich Hinweise auf eine Zusammenarbeit mit der Deutschen Grammophon oder der EMI Electrola finden. Fest steht nur, dass die ihr Handwerk verstehen. Welch Glück, dass sie auch beim Violinkonzert Tchaikovskys dabei waren! All unsere Klangkriterien sind gleichzeitig übererfüllt. Mehr ist aus Vinylrillen physikalisch nicht herauszuholen. Vargas Spiel erklingt wie von einem anderen Stern: der typische, hochlyrische Gesang seiner Geige, das einzigartige, direkt unter die Haut gehende Vibrato, die atemberaubende, souveräne Technik, dies alles ertönt im vollen und natürlichen Klang aus der Tiefe des Holzes heraus und entfaltet eine derart vielschichtige Atmosphäre, die Blicke ins Mystische freigibt. Und das Orchester in völliger Symbiose ist ebenfalls in transparenter Räumlichkeit präsent. Es gibt sehr viele tolle Aufnahmen des berühmten Violinkonzerts, insb. etwa die mit Oistrach und dem Philadelphia Orchestra unter Ormandy. Doch diese hier mit Varga und seinem von ihm elektrisierten Orchester in der exzellenten Aufnahmetechnik des geheimnisvollen Philharmonia-Labels ist eine Jahrhundertaufnahme, an einem Ort eingespielt, der nur 42 km Luftlinie entfernt von Clarens/Montreux liegt, wo Tchaikovsky ebenfalls die Ruhe der Provinz suchend sein Meisterwerk komponiert hatte.
Doch Vorsicht: Die Aufnahme wurde später auch vom Label Concert Hall gepresst. In deren Synchro Stereo Technik ist der ganze Zauber aber dahin. Und auf dem Cover wird das Orchester unerklärlicher- wie fälschlicherweise als Orchestre du Festival de Vienne angegeben.

Links
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Beiträge zu Tibor Varga auf RTS