*53 Verdi: Aida

Werk
Giuseppe Verdi
Antonio Ghislanzoni (Text)
Aida
1870

Interpretation
Ivan Marinov
Sofia National Opera Orchestra
Sofia National Opera Chorus

Yulia Wiener-Chenisheva (Sopran)
Alexandrina Milcheva (Mezzo)
Nikola Nikolov (Tenor)
Nikolai Smochevski (Bariton)
Nikola Ghiuselev (Bass)

Maria Dimchevska (Sopran)
Verter Vrachovski (Tenor)
Stefan Tsiganchev (Bass)

Aufnahme
1971
Sofia
Balkanton

Klangqualität
T&T ⭐️⭐️
Mystik, Natürlichkeit, Balance, Präsenz, Transparenz, Räumlichkeit

Körnig mit Tempelatmosphäre
Unter den Opern von Verdi ist Aida vielleicht die berühmteste. Laut Wikipedia wurde keine andere Oper Verdis öfters eingespielt. An den Opernhäusern wird sie gerne aufgeführt, bietet sie doch viele Möglichkeiten der Inszenierung. Nur bei den Beliebtheits-Rankings ist sie selten zuoberst anzutreffen. Als Lieblingsopern Verdis werden eher die Traviata oder der Trovatore genannt, oder für den reichhaltigeren späteren Verdi dann der Don Carlos oder Otello. Nicht selten hört man selbst von eingefleischten Verdi-Fans, dass sie trotz tollen Live-Erlebnissen keinen echten Zugang zur Aida finden, intellektuell ja, aber nicht mit dem Herzen. Wieso ist das so? Liegt es an der Komposition? Ein ungeheuerlicher Verdacht, war doch Verdi zu jener Zeit geradezu im Zenit seines Schaffens. Liegt es an den verfügbaren Interpretationen? Unwahrscheinlich, bei der Fülle an Einspielungen. Vielleicht hilft der Blickwinkel von Tiefundtausendfach hier weiter, nämlich dass die Aufnahme als solche zu gleichen Teilen wie Komposition und Interpretation dafür verantwortlich ist, ob Musik ab Tonträger uns ergreift oder nicht. Nehmen wir zum Beispiel die als Referenzaufnahme gehandelte EMI-Aufnahme von Muti mit der krassen Starbesetzung: Caballé, Domingo, Cossotto, Cappuccilli und Ghiaurov. Diese Interpretation ist bis in die letzten Details komplett perfekt. Und dennoch, unsere Freude darüber ist eher eine kopflastige, denn die Aufnahme ist zu brav, zu matt. Die Schönheit der Interpretation dringt hier mehr als musiktheoretische, nicht im Medium des Klangs zu uns. Hand aufs Herz: diese Aida ist langweilig. Also geht es weiter zur Mehta mit Nilsson und Corelli. Auch hier: eine sängerische Glanzleistung, die aber klanglich alles andere als glänzt. Und dann geht es immer so weiter, eine Aida-Enttäuschung nach der anderen. Es scheint schwierig zu sein, das Spektakel der Bühne ungetrübt auf den Tonträger zu bekommen. Unsere Suche ist erst in Bulgarien bei der Balkaton-Aufnahme von Marinov zu Ende, und die ganze Reise durch die schier unendliche Aida-Diskografie hat sich gelohnt. Welch eine Offenbarung! Endlich erklingt die Aida in einer Räumlichkeit, die ihrer würdig ist: Das Orchester sorgt für die Tempelatmosphäre in klanglicher Tiefe, der wuchtige Chor malt die monumentale klangliche Hintergrund-Landschaft, während die Sängerinnen und Sänger präsent den königlichen Vordergrund beherrschen. Man muss dabei in Kauf nehmen, dass der Gesang teilweise gar etwas zu markig ertönt. Sind dafür die Mikrofone verantwortlich oder das eingegangene Risiko, so ungefiltert wie möglich aufzunehmen? Egal, lieber roh und echt als sauber und gekünstelt. Wie bei einem Film aus den Siebzigern mit körnigen Bildern, die letztlich doch mehr aussagen als entzauberte Schärfe und Hochauflösung. Diese Aufnahme aus Sofia macht richtig Spass!

Links
Discogs
Spotify
Youtube (Ausschnitt aus dem 2. Akt)