Werk
Vincenzo Bellini
Felice Romani (Text)
Norma
1831
Interpretation
Tullio Serafin
Orchestra del Teatro alla Scala
Coro del Teatro alla Scala
Maria Callas (Sopran)
Christa Ludwig (Mezzo)
Franco Corelli (Tenor)
Nicola Zaccaria (Bass)
Edda Vincenzi (Sopran)
Piero di Palma (Tenor)
Aufnahme
1960
La Scala, Mailand
EMI
Columbia
Walter Jellinek (Produktionsleiter)
Walter Legge (Produktionsleiter)
Robert Gooch (Toningenieur)
Klangqualität
T&T ⭐️⭐️⭐️
Mystik, Natürlichkeit, Balance, Präsenz, Transparenz, Räumlichkeit
Stereo-Eruption von La Callas
Bei dieser Aufnahme gilt das Recht auf Superlative: die Mutter aller Opern italienisch-romantischer Tradition, in der Titelpartie die vielleicht grösste Sängerin der Schallplatten-Ära, aufgenommen von EMI-Tonspezialisten in überragender Stereo-Klangqualität. Dafür wurde im September 1960 die Scala zu einem grossen Aufnahmestudio umgewandelt, in welchem mit genau justierten Abständen die dynamisch postierten Solistinnen und Solisten in der Mitte sowie hinten der Chor und vorne das Orchester verteilt wurden. Gemäss der Klangphilosophie von EMI hatte Robert Gooch, der Toningenieur, seine Mikrofone sparsam platziert. Auf Fotos sind nur fünf Hauptmikrofone auszumachen. Aufgenommen wurden somit nicht die einzelnen Stimmen, sondern die Musik im Raum, der Gesamtklang, wie er sich in der Akustik der Scala ereignet. Die resultierende atmosphärische Klangräumlichkeit der Aufnahme geht unter die Haut. Und in diesem audiophilen Setting dann die gewaltigen Stimmen von Callas, Ludwig und Corelli!
Was haben wir für ein Glück, dass Maria Callas‘ Gesangskarriere bis in die frühen 60er Jahre reicht und dass es ein paar Stereo-Aufnahmen von ihr gibt, auch in Operpartien, für die sie berühmt wurde. Callas, die wie keine andere Sopranistin des 20. Jh. die Norma prägte, hatte die Oper nämlich längst auf Platte gebracht. Die legendäre Aufnahme stammt von 1954, ebenso unter Tullio Serafin an der Scala. Diese ist die Version der Norma, von der die Callas-Fangemeinde und die Musikkritik schwärmen, in der Callas die epochemachende Interpretation geschafft hat. Rational ist diese Präferenz nachvollziehbar. Das viszerale Evidenzempfinden jedoch entscheidet sich für tiefere Räumlichkeit, breiteres Klangvolumen sowie den offeneren und strahlenderen Glanz von Callas‘ Sopran. Gemäss den Kriterien für ein tief und tausendfaches Klangerleben ist die Aufnahme von 1960 überlegen.
Bei den digitalisierten Versionen auf CD und Streaming ist der Unterschied allerdings weniger frappierend – fast so, als hätte man sich beim Remastering gescheut, die Stimme von Callas anders als im vertrauten Mono-Timbre erklingen zu lassen, das Generationen von Verehrerinnen und Verehrern liebgewonnen haben. Wer aber die Nadel auf eine der alten Columbia- oder Angels-Pressungen von EMI auflegt, hört mehr Callas, sei es allein, wie in der atemberaubenden Arie „Casta Diva“, in den sowohl lyrischen wie spannungsgeladenen Duetten mit Christa Ludwig oder im wuchtigen Finale mit Corelli: Es ist die Befreiung der Primadonna aus ihrem Mono-Korsett, mehr noch, ein Ausbruch aus klanglichen Fesseln, eine Neugeburt – die Stereo-Eruption von La Callas.
