Werk
Ludwig van Beethoven
Klaviersonate Nr. 10
G-Dur, Op. 14,2
1799
Interpretation
Glenn Gould (Klavier)
Aufnahme
1966
CBS
Columbia Masterworks
Andrew Kazdin (Produktionsleiter)
Foto © Don Hunstein/Sandy Speiser
Klangqualität
⭐️⭐️⭐️
Natürlichkeit, Balance, Präsenz, Transparenz, Räumlichkeit
Existentielle Prozession des einsamen Suchers
Er tut’s schon wieder! Gould setzt sich über die Tempoanweisungen Beethovens hinweg und lässt sich von einer jahrhundertalten Aufführungspraxis nichts vorschreiben. Er wählt einen eigenwilligen Interpretationsansatz und setzt diesen unerbittlich um. Das Resultat ist sagenhaft. Joachim Kaiser in seinem Buch „Beethovens 32 Klaviersonaten“ ist ebenso ganz begeistert von Goulds Interpretation, auch wenn er nicht aus seiner Haut als Musikkritiker der alten Schule kann, wenn er letztlich sagt, dass man das eigentlich nicht darf. Es geht um den zweiten und zentralen Satz der Klaviersonate Nr. 10, den Gould ähnlich gestaltet wie das Largo aus Nr. 7: marschhaft und durch Fixierung auf Takt und Rhythmus. Im Unterschied zur Nr. 7 hat Beethoven hier aber tatsächlich den Charakter eines Marsches in den Satz gelegt. Nur setzt Gould den leichten Marsch im Andante in ein viel langsameres Tempo und verleiht im dadurch eine ungeheure Schwere. Er weist aber nicht den Charakter eines ruhenden Trauermarsches auf. Dafür ist die Grundstimmung zu mechanisch und vorwärtstreibend. Jede Achtelnote ist bewusst gesetzt und von enormer Wichtigkeit. Nein, es ist eher der Marsch eines Kämpfers, die existentielle Prozession eines einsamen Suchers, eines Tapferen bis Verbissenen, der durchhält, der auf verlorenem Posten weiter nach vorne schreitet, mit Laterne und Fahne in den Sieg, ins sichere Verderben… Genial, wie Gould das von Beethoven Intendierte zu skalieren in der Lage ist. So erscheint die vorgesehene Steigerung ins Alla Breve maximal verstärkt wie ein Umschwung des Fatalismus in die unabwendbare moralische Verzweiflung. Die ganze Dramatik ist für uns in hervorragendem CBS-Klaviersound verfügbar und in aller Transparenz nachvollziehbar.
