Werk
Ludwig van Beethoven
Klaviersonate Nr. 15
D-Dur, Op. 28
1801
Interpretation
Alfred Brendel (Klavier)
Aufnahme
1977
Henry Wood Hall, London
Philips
Volker Straus (Produktionsleiter)
Foto © Christina Burton
Klangqualität
⭐️⭐️⭐️
Natürlichkeit, Balance, Präsenz, Transparenz, Räumlichkeit
Geheimnisse im Säuseln des Windes
Wenn man die Klaviersonaten Beethovens der Reihe nach hört, denkt man sich spätestens nach der Mondscheinsonate: So, jetzt war alles einmal da, mehr fällt auch dem Genie Beethoven nicht mehr ein. Dann kommt Nr. 15 und alles beginnt wie von vorne. Die Kreativität des Meisters am Klavier kennt schier keine Grenzen. In der „Pastorale“ begegnen wir einer Fülle an neuen Melodien, Formen und Stimmungen. Jeder Satz ein Bijou! Es gibt eine klasse Aufnahme von Wilhelm Backhaus auf Decca von 1963. Backhaus war zweifelsfrei einer der besten Beethoven-Interpreten aller Zeiten. Doch leider sind die Aufnahmen der Klaviersonaten, die über viele Jahre hinweg entstanden sind, nicht von derselben Qualität wie die Klavierkonzerte. Bei der Nr. 15 hat Decca jedoch einen Glückstreffer gelandet: ein präsenter Konzertflügel mit viel Klangräumlichkeit und kräftigen Tiefen. Sieger im Rennen um die beste Aufnahme ist aber dennoch wieder Brendel/Philips von 1977. Wir sind hier noch ein Stück näher am Instrument und haben mit mehr Höhen auch einen brillanteren Klang. Bei der Interpretation hingegen werden viele wohl eher den spielerischen und artikulierten Ansatz von Backhaus bevorzugen, der besser zum Einfallsreichtum der Sonate passt. Bei Backhaus haben wir die Ausrufung auf dem Marktplatz: „Hört mal her, was Beethoven alles einfällt! Und das… und dann das…!“ Brendel hingegen ist bereits am Verinnerlichen. Er kann schon auch in die Tasten hauen, wenn es darauf ankommt. Aber grundsätzlich empfangen wir die Schätze Beethovens bei Brendel eher als Geheimnisse, die allein im Säuseln des Windes preisgegeben werden. Diese Interpretation hat schon auch etwas, besonders bei den einfachen Melodien, die sich aus dem Pianissimo heraus entwickeln, wie die Themen zu Beginn der beiden Ecksätze oder die plötzlich aus dem Nichts auftauchende Sechzehntel-Linie über der Reprise des Moll-Themas im 2. Satz. Diese Teile gehören zu den schönsten und genialsten, aber eben auch einfachsten der Sonate, ja vielleicht dessen, was Beethoven überhaupt je geschrieben hat. Brendel legt mit seiner Interpretation genau hier den Finger drauf, und vermutlich hat er damit recht. Philips‘ Klangevidenz wirkt da jedenfalls stark unterstützend. Darum auch der Name, den die Sonate später erhalten hat: Der Name „Pastorale“ wird für gewöhnlich von Musikverlegern oder -kritikern vergeben, um damit fertig zu werden, dass schöne und geniale Werke zugleich einfach sind.
