*58 Beethoven: Klaviersonate Nr. 3

Werk
Ludwig van Beethoven
Klaviersonate Nr. 3
C-Dur, Op. 2,3
1795

Interpretation
Alfred Brendel (Klavier)

Aufnahme
1978
Philips
Cover Foto © Christina Burton

Klangqualität
⭐️⭐️⭐️
Natürlichkeit, Balance, Präsenz, Transparenz, Räumlichkeit

Materialursache der Dramatik
In seinem Buch über „Beethovens 32 Klaviersonaten“ von 1975 hat Joachim Kaiser einen klaren Favoriten für die beste Interpretation der 3. Klaviersonate: Arthur Rubinstein auf RCA von 1965. Normalerweise wägt Kaiser in seinem Durchgang durch die Sonaten sorgfältig ab und findet in den verschiedenen Interpretationen stets manches gut und anderes weniger gut gelungen, aber bei der 3. Sonate legt er sich eindeutig fest. Es ist die dramatische Spielweise Rubinsteins, die ihn fasziniert, völlig nachvollziehbar. Hätte er sich wohl auch so klar entschieden, wenn er die spätere Einspielung Brendels auf Philips damals schon gekannt hätte? Diese erreicht als Interpretation zwar nicht die Dramatik Rubinsteins hat aber einen anderen, einen entscheidenden Vorteil: sie klingt offener, brillanter, besser. Kaiser geht schon manchmal auf Unterschiede bei den Aufnahmen ein, aber im Grossen und Ganzen behandelt er die Interpretationen für sich selbst, unabhängig von ihrer Klangqualität oder Vinyl-Materialität. Die These seines Buches ist, dass man bei der Besprechung der Klaviersonaten als Kompositionen nicht nur musiktheoretische Überlegungen anstellen soll, sondern ebenso die verschiedenen Interpretationen der Pianistinnen und Pianisten berücksichtigen muss. Die Idee von Tiefundtausendfach geht hier noch einen Schritt weiter und berücksichtigt auch die Aufnahmen. Interpretationen liegen in Aufnahmen vor. Wie sie klingen, hängt entscheidend von deren Qualität ab. Wenn Rubinstein beispielsweise im zweiten Satz, dem Adagio, das plötzlich auftretende Fortissimo der linken Hand dramatisch zuspitzt, wird diese Dramatik für uns nur verstehbar, weil wir sie auch hören. Noch mehr hören wir sie bei Brendel, selbst wenn er das Fortissimo etwas weniger schroff gestaltet. Denn Philips bietet uns das Ganze in noch mehr klanglicher Präsenz, Räumlichkeit und Transparenz. Dass Beethoven diese Stelle nur dramatisch gemeint haben kann, was Kaiser durch Rubinsteins Spiel erkannt und empfunden hat, wird bei Brendel nun vollends evident. Dass dadurch die Aufnahme selbst auch etwas über das Werk aussagen kann, ist eine logische Konsequenz. Kunst hat auch eine Materialursache. Eine Ahnung davon hat selbstverständlich auch der Realist Kaiser, wenn er irgendwo im Buch bemerkt, dass gute Interpretationen durchaus auch in schlechten Aufnahmen vorliegen, dass es aber umgekehrt gute Aufnahmen von schlechten Interpretationen interessanterweise so gut wie nie gibt.

Links
Discogs
Spotify
Youtube