*62 Beethoven: Klaviersonate Nr. 7

Werk
Ludwig van Beethoven
Klaviersonate Nr. 7
D-Dur, Op. 10,3
1798

Interpretation
Glenn Gould (Klavier)

Aufnahme
1964
CBS
Columbia Masterworks
Thomas Frost (Produktionsleiter)

Klangqualität
⭐️⭐️⭐️
Natürlichkeit, Balance, Präsenz, Transparenz, Räumlichkeit

Flucht in die Struktur als Überlebensstrategie
Die dritte Sonate aus dem Opus 10 bei Gould/CBS knüpft an die vorhergehende auf derselben Platte an: mit einem hellen, offenen und äussert präsenten Klavierklang, der ohne Hemmnisse unser Ohr erreicht sowie die weiteren beteiligten Organe. Herz und Nieren brauchen wir insbesondere für das lange, traurige Largo des 2. Satzes, wo Gould die von Beethoven in Noten gegossene Traurigkeit potenziert wieder freigibt. Es ist bei Gould aber nicht etwa ein Verweilen im Pathetischen auszumachen, keine Selbstverschmelzung im Melancholischen, vielmehr ein Durchstehen des Schmerzhaften durch eine fast paranoide Fixierung auf Takt und Rhythmus sowie auf die von Beethoven vorgegebenen Anweisungen. Flucht in die Struktur als Überlebensstrategie! Gould spielt so diesen 2. Satz wie einer, der sein trostloses Schicksal annimmt und durch das Tal der Tränen marschiert, konsequent und bis ins letzte Pianissimo hinein. Dass er bei all dieser Strenge die Phrasen und Melodiestücke Beethovens schön perlend ausspielt, wirkt dann umso befreiender, wie eine Liebkosung, wie ein autistisches Kind, das dich plötzlich anlächelt. Durch seine eigenwillige Interpretation bringt Gould auf wunderbare Weise die ganze von Beethoven hineingelegte Dialektik von Leid und Trost zum Vorschein, die dann im 3. Satz ihre Erlösung erfährt, eine Erlösung, die bei Gould gewiss nur eine vorläufige sein kann. Bei dieser schwergewichtigen Mitte sind dann die beiden übertrieben rasant gespielten Ecksätze im besten Falle nur noch sarkastisch gemeint. Im schlimmsten Falle aber zeugen sie vom Irrwitz des Lebens, der uns überhaupt erst ins Tal der Tränen treibt.

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