*63 Beethoven: Klaviersonate Nr. 8

Werk
Ludwig van Beethoven
Klaviersonate Nr. 8 – „Pathétique“
c-Moll, Op. 13
1798

Interpretation
Claudio Arrau (Klavier)

Aufnahme
1963
Bachzaal, Amsterdam
Philips
Jaap van Ginneken (Produktionsleiter)
Martin Vos (Toningenieur)
Willem van Leeuwen (Toningenieur)

Klangqualität
⭐️⭐️⭐️
Natürlichkeit, Balance, Präsenz, Transparenz, Räumlichkeit

Manifest des grossen Geistes
Der Klang des Flügels bei Arrau/Philips erreicht nicht dieselbe Räumlichkeit wie bei Brendel/Philips, dafür sind wir als Hörende näher am Instrument. Er hat aber auch nicht die helle Präsenz wie bei Gould/CBS, dafür bekommen wir mehr Saft in den Mitten und Tiefen. Im Resultat ergibt das einen runden, vollen und gewichtigen Klaviersound, der Konzertflügel als schweres Orchester. Philips besorgt Arrau hier genau den Klang, den er braucht, damit seine pathetische Interpretation auch ab Tonträger verstehbar wird.
Für viele ist es die beste Interpretation der Sonate. Das ist gut nachvollziehbar. Wieso soll man eine als „Pathétique“ betitelte und von ihrem Schöpfer offenbar als solche intendierte nicht mit grösstmöglichem Pathos spielen? Man kann, aber muss keine Weltanschauung oder gar ein Glaubensbekenntnis darin sehen, es ist einfach Arraus grosse Stärke, Musik ernsthaft, erhaben und tiefgründig zu spielen, und er setzt diese Stärke bei der Pathétique voll ein. Und doch geht es dabei um etwas. Um etwas Geistvolles, Göttliches und gerade darin um etwas zutiefst Menschliches, auch für uns Heutigen. Man kann eine Pathétique durchaus auch nüchtern und trotzdem emphatisch spielen, wie wir es etwa von Gould oder Gulda her kennen. Dies dient dann aber dem höheren Zweck einer bestimmten Interpretation und der Wahrheit, die sie am Werk freilegt. Doch grundsätzlich zu meinen, wir müssten Beethoven heute entzaubern, um ihn zu ertragen, unterschätzt die Kraft, die in dieser Musik noch immer schlummert. Es wäre ein Verzicht auf die Tiefe, den wir uns nicht leisten sollten. Arraus Spiel ist demgegenüber eine Aufforderung, die eigene Scheu vor dem Pathos abzulegen. Er zeigt uns, dass Musik uns auch heute noch im Kern erschüttern darf, jenseits von High-Definition-Perfektion und Kommerz-Hype. Auch der Mensch des 20. und 21. Jahrhunderts hat einen grossen Geist und ein weites Herz und ist fähig, durch Kunst und Musik grösstmöglichen Sinn seines Daseins zu entdecken und auszudrücken. Man muss nicht, aber man kann Arraus Pathétique für ein Manifest des grossen Geistes halten, ein Postulat des Tief und Tausendfachen.

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