Brahms: Symphonie Nr. 1

Werk
Johannes Brahms
Brahms: Symphonie Nr. 1
c-Moll, Op. 68
1876
1877 (Bearbeitung)

Interpretation
Kyril Kondrashin
Moscow Radio Symphony Orchestra

Aufnahme
1973
Moskau
Melodiya
Severin Pasuchin (Toningenieur)

Klangqualität
⭐️⭐️⭐️
Natürlichkeit, Balance, Präsenz, Transparenz, Räumlichkeit

Mit dem Herz auf der ausgestreckten Hand
Die Symphonien von Brahms gehören zu den Grundpfeilern der europäischen Musiktradition, zum Erbgut der deutschen Symphonik in der Linie Beethovens, zum Grundbestand der ernsten Musik, zum Mainstream der klassischen Musik. Sie sind schön und wichtig, aber konservativ, tatsächlich unspannend und eigentlich zu überwinden. Diese Sichtweise ist natürlich Quatsch. Brahms‘ symphonische Musik ist hochromatischer Ausdruck, damals wie heute in der Lage uns zu betreffen und fesseln. Dass trotzdem viele Musikliebhaberinnen und -liebhaber so erhaben-schlecht von Brahms reden, als wäre er veralteter Kunstgenuss, wie eine Sachertorte von vorletzter Woche, liegt vermutlich in der massenkulturellen Mediokrität der Musikproduktion bei grossen Komponisten. Bei den Symphonien von Brahms verhält es sich nämlich wie bei denen von Beethoven: Werden sie bloss routiniert runtergespielt, tönen sie schnell langweilig. Und auf lieblosen Aufnahmen ohne Räumlichkeit und Klangpräsenz wirken sie nur noch bieder.

Darum ist es kein Zufall, dass die beste Aufnahme von Brahms‘ erster Symphonie aus Russland kommt. Denn das Moskauer Radio-Symphonie-Orchester unter der Leitung von Kyril Kondrashin spielt Brahms, wie es Tchaikovsky spielt oder Rachmaninoff: emphatisch und existentiell. Und das Aufnahmeteam von Melodiya lässt alles geschehen, saugt alles auf. Keine bändigenden Filter, keine Spur von klangkonservativer Sicherheit. Sie nehmen volles Risiko und lassen das Orchester im Raum strömen. Brahms Musik klingt erst, wenn alle Beteiligten nicht zurückblicken und alles riskieren, mit dem Herz auf der ausgestreckten Hand. Davon ist die Melodiya-Aufnahme mit Kondrashin bestes Beispiel.

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