Werk
Richard Wagner
Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg
WWV 70
1843
1875 (dt. Pariser Fassung = Wiener Fassung)
Interpretation
Georg Solti
Wiener Philharmoniker
Wiener Staatsopernchor
Wiener Sängerknaben
Helga Dernesch (Sopran)
Christa Ludwig (Mezzo)
René Kollo (Tenor)
Victor Braun (Bariton)
Hans Sotin (Bass)
Werner Hollweg (Tenor)
Equiluz, Kurt (Tenor)
Norman Bailey (Bariton)
Jungwirth, Manfred (Bass)
Aufnahme
1970
Sophiensaal, Wien
Decca
Ray Minshull (Produktionsleiter)
Colin Moorfoot (Toningenieur)
Gordon Parry (Toningenieur)
James Lock (Toningenieur)
Foto © Vincent Eckersley
Klangqualität
⭐️⭐️⭐️
Natürlichkeit, Balance, Präsenz, Transparenz, Räumlichkeit
Pilger-Enthusiasmus auf der Stereo-Bühne
Unter audiophilem Gesichts- bzw. Gehörpunkt beschert uns die Kombination von Solti, Decca und opulenter Romantik haufenweise Aufnahmen allererster Güte. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie aus Wien oder Chicago stammen. Es schien einfach zu funktionieren zwischen dem Weltklasse-Dirigenten und den Leuten von Decca. Wenn es um die Musik von Wagner, Mahler oder Strauss ging, waren sie auf gleicher Wellenlänge. Die Aufnahme des Tannhäusers mit viel aufführendem Volk und einer Traumbesetzung in den Solostimmen ist ein Paradebeispiel dieser kongenialen Zusammenarbeit. Wir finden in ihr die klangliche Charakteristik der Solti-Decca-Kunst vor: einen klaren, strahlenden Orchesterklang, der vom pianissimo Oboensolo bis hin zur fortissimo Tuttipassage durchgehalten wird. Man vergleiche dazu im dritten Akt das feine Holzbläser-Zwischenspiel mit dem grandiosen Finale. Erstere Stelle im Piano tönt ebenso räumlich-intensiv wie letztere im Fortissimo, während diese genauso ausbalanciert und durchhörbar klingt wie jene. Selbst im Volle-Knetsche-Blech-und-Pauken-Enthusiasmus zum Schluss bleibt der Gesamtklang kontrolliert, man hört sogar noch die Harfe heraus!
Bei Opernaufnahmen gesellt sich als weitere Solti-Decca-Charakteristik die Klang-Dramatisierung hinzu. Auch bei der Studio-Aufnahme des Tannhäusers ist es laut der producer’s note von Ray Minshull das erklärte Ziel, die Bühnenhandlung hörbar werden zu lassen. Erreicht wird dies über eine breite und tiefe Stereo-Räumlichkeit sowie eine dynamische Positionierung von Akteuren und vermutlich auch Mikrofonen. Eindrückliches Beispiel davon ist, wiederum im dritten Akt, wenn der Chor der von Rom zurückkehrenden Pilger von rechts den Klangraum betreten, in der Mitte angelangt das gewaltige Tannhäuser-Thema rauslassen, um dann nach links wieder abzutreten, während die arme, desillusionierte Elisabeth im Vordergrund allein zurückbleibt. Brillant! Den weiteren, eher weniger geglückten Effekt der hallenden Stimme der Venus, die in der Schlussszene aus dem Götterhimmel erscheint, nehmen wir hingegen in historischem Abstand lächelnd in Kauf. Viel besser dagegen klingt der jüngere Pilgerchor der Wiener Sängerknaben: ohne Effekte von selbst schon wie verklärt. Ein weiteres interpretatorisches Highlight ist neben den sängerischen Glanzleistungen von Dernesch, Ludwig und Kollo die Wolfram-Darbietung von Victor Braun. Mit seinem innigen, fast schüchtern wirkenden Timbre erreicht Braun eine ganz eigene Dichter- und Minnesängerstimmung, in wunderbarer Komplementarität zu Kollos tragisch-heldenhaftem Wagnertenor.
